Die zugewanderten Fachkräfte

Das Gesundheitswesen braucht ausländische Angestellte – sonst droht der Kollaps

page3image3806912

 

Düsseldorf. Amera Kabara hat in Syrien eine Hochschule besucht, zwei Geschäfte geführt, ist vor dem Krieg geflüchtet und lässt sich jetzt im Rheinland zum Altenpfleger ausbilden. Gianlu- igi Brescia studierte in Italien Medizin und möchte in Neuss als Kardiologe arbeiten. Und Kateryna Nezhentesva war in der Ukraine Krankenschwester, bevor sie nach neun Monaten Anerkennungszeit in einer städti- schen Klinik anfing. Experten und Praktiker sagen: Der Fach- kräftemangel wird weiter zunehmen. Ohne zugewanderte oder geflüchtete Kräfte kollabiere das Gesundheitswesen.

„In ländlichen Regionen könnten wir die medizinische Versorgung ohne Ärzte aus dem Ausland schon heute nicht mehr sicherstellen“, sagt Jürgen Herdt von der Ärztekammer Westfalen- Lippe. Ende 2017 hatten rund 12 Prozent aller Ärzte – rund 45 000 Personen – keinen deutschen Pass, eine deutliche Zunahme. „Je weiter man in den ländlichen Räume kommt, desto höher ist der ausländische Mediziner- Anteil.“ In einigen Kreisen wie Olpe oder Höxter seien in den Kliniken gut 80 Prozent der jungen Assistenzärzte bis 35 Jahre Ausländer

Maike Tölle von der Katholischen Hospitalvereinigung KHWE betont: „Im Moment ist Zuwanderung die einzige Option.“ Es würden viel zu wenig Mediziner in Deutschland ausge- bildet. „Die Politik hilft uns da sehr wenig.“ Die große Koalition hat gerade erst eine Trendwende gegen den Pflegenotstand und mehr Personal versprochen. Ohne ausländische Kräfte sei es kaum noch möglich, eine Klinik oder Pflegeeinrichtung zu betreiben, sagt auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

In der Pflege werden im Jahr 2035 etwa 280 000 Kräfte fehlen, prognostiziert Arbeitsmarktfor- scher Tobias Maier vom Bundesberufsbildungsinstitut BIBB. „Ja, qualifizierte Einwanderung würde helfen.“ Wie das funktionieren kann, zeigt zum Beispiel Amera Kabara: Er durchläuft ein von der Bundesagentur für Arbeit und dem Land NRW unterstütztes Programm: Die Teilnehmer lernen in drei Jahren Deutsch, machen einen Hauptschulabschluss und werden zu Altenpfle- gehelfern ausgebildet. Das alles hat der 34-jährige Syrer schon geschafft. Jetzt kann er die Fach- ausbildung zum Altenpfleger beginnen.

In Syrien gebe es den Beruf so gar nicht, erzählt er. „In unserer Kultur pflegen die Kinder ihre Eltern zu Hause. Und wir werden auch nicht 100 Jahre alt, so wie die deutschen Menschen.“ Heimbewohnerin Elisabeth Grohmann (85) schätzt den Helfer, ebenso wie dessen Kollegen aus

Afghanistan und Eritrea, die im Programm Care For Integration (CFI) qualifiziert werden. Res- sentiments gegenüber sichtbar nicht-deutschen Pflegern gebe es selten, erzählt Hans-Peter Knips vom Bundesverband bpa, dessen NRW-Landesorganisation die CFI-Idee mitentwickelt hat. Bisher war auch kein Azubi von Abschiebung bedroht. Die Teilnehmer seien in den drei Jahren Fachkraft-Ausbildung und zwei folgenden Berufsjahren „geschützt“.

Vom Heim in die Klinik: Die ausländischen Kollegen empfindet man am Lukaskrankenhaus Neuss als bereichernd. „Deutschland ist leider etwas arrogant, was die Anerkennung von Berufsabschlüssen anderer Länder angeht“, kritisiert Pflegedienstleiterin Andrea Albrecht. Konkret: Obwohl der Beruf der Krankenschwester in vielen Ländern mit einem Hochschulstudium verbunden sei, müssten die Fachkräfte hierzulande erst noch Anerken- nungspraktikum und Schulbesuch nachweisen.

Laut Mediendienst Integration arbeiteten 2017 bundesweit etwa 134 000 ausländische Pflegefach- kräfte und -helfer, rund 3 900 von ihnen kamen aus den wichtigsten acht Asylherkunftsstaaten wie Syrien, Afghanistan oder Irak. Bei der Approbation für Medizi- ner aus Nicht-EU-Ländern gibt es ebenfalls nicht das eine goldene Rezept, weiß Herdt von der Ärz- tekammer. Die Länder handhaben die Sache unterschiedlich, was trotz einiger Verbesserungen manchmal ein „Flickenteppich“ sei. Trotz des großen Bedarfs an Medizinern mahnt er: Die Messlatte bei den fachlichen und sprachlichen Qualifikation müsse unbedingt hoch bleiben. Nicht-EU-Mediziner müssen für

ihre Zulassung eine Kenntnisprüfung ablegen, bei der alle Inhalte des deutschen Medizinstudiums abgefragt werden können; hinzu kommt eine Fachsprachen-Prüfung. Die Prozesse könnten für Kandidaten wie Kliniken extrem undurchsichtig sein, moniert Maike Tölle. Es brauche großes Durchhaltevermögen. Das hat Amera Kabara: „Ich habe alles verloren in Syrien. Ich lerne hier und möchte arbeiten. Ich bin noch jung. Und ich kann alles schaffen.“